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11/25/2014

Rotterdam als Architekturlabor Europas

Vor kurzem wurde die Van Nelle Fabrik aus den 1930er Jahren als eines der ersten Industriedenkmäler der Niederlande der Liste des UNESCO-Welterbes hinzugefügt. Laut UNESCO-Experten ist das Gebäude "... für die ganze Welt unersetzlich und von außergewöhnlicher Bedeutung." Nicht nur die Verwendung neuer Materialien, sondern auch die Bauweise sowie die helle und offene Arbeitsatmosphäre gelten bis heute als vorbildlich. Das UNESCO Urteil bestätigt einmal mehr die Bedeutung Rotterdams als Hauptstadt der Moderne. Denn die Industrie- und Handelsmetropole am Rhein-Maas-Delta beweist sich bis heute als Entwicklungslabor innovativer Architektur.  

"Licht, Luft und Raum" war das Konzept von Kees van der Leeuw, dem damaligen Direktor bei Van Nelle, um eine moderne und menschliche Arbeitswelt zu erschaffen. Die zwischen 1925 und 1931 nach Plänen von Jan Brinkman und Leen van der Vlugt errichtete Fabrik gilt mit ihrer Vorhangfassade aus Glas und Stahl, ihrer Offenheit und den charakteristischen Pilzstützen als Meilenstein der Moderne. Bis in die 1990er Jahre wurde hier Kaffee, Tee und Tabak produziert. Bald nach der Schließung ging die ehemalige Fabrik in den Besitz von mehr als 400 Einzelinvestoren über, die als Kooperative das Umnutzungskonzept "Van Nelle Ontwerpfabriek" entwickelten und die Umsetzung unter der Leitung des auf dem Gelände ansässigen Architekten Wessel de Jonge beauftragten. Die transparente Ausstrahlung der Van Nelle Fabrik ist auch nach den Eingriffen für die Umnutzung erhalten geblieben. So wurde etwa in der verglasten Kanzel über dem Fabrikgebäude eine Cafeteria untergebracht, die einen Rundumblick über das Gelände bietet. Heute beherbergt der Gebäudekomplex viele unterschiedliche Unternehmen und hat sich mit diversen Veranstaltungen zu einem lebendigen Zentrum  der Kreativwirtschaft entwickelt. Während anderswo eine Fabrikschließung Lähmung und Depression ausgelöst hätte, hatte sich Van Nelle in Rotterdam als Ontwerpfabriek neu erfunden. Das ist symptomatisch für die ganze Stadt, die es in den letzten 80 Jahren immer wieder geschafft hat, als relevantes Labor für Architektur und Stadtplanung zu gelten. 

Programmatischer Neuanfang 
War die Van Nelle Fabrik vor dem Krieg ein erster Schritt, machte die völlige Zerstörung der Stadt im Mai 1940 einen beherzten Neuanfang notwendig. Die Rotterdamer hatten ihre Stadt ehedem eher für hässlich gehalten und es fehlte ein Bezug zu ihrer Morphologie. Schon vier Tage nach der Bombardierung  wurde der angesehene Stadtplaner Ir. Willem Gerrit Witteveen mit der Entwicklung eines „Wiederaufbauplans“ beauftragt, allerdings nicht mit dem Wunsch einer Rekonstruktion der alten Struktur, sondern um etwas Neues zu schaffen. In der Bevölkerung gab es breite Unterstützung für dieses Experiment. Und das Neue war – daran bestand kein Zweifel: der Modernismus. So wie in vielen sowjetischen Städten gab es eine rationale Planung mit einer klaren Trennung von Wohnen und Arbeiten, der Verkehrsinfrastruktur und den Erholungsgebieten. 

Hafenwachstum und die Siebziger Jahre
Darüber hinaus erlebte Rotterdam ein starkes Wirtschaftswachstum. Der Hafen war fünfzig Jahre lang der größte der Welt und ist noch heute der größte außerhalb Asiens. Durch das rasante städtische Wachstum und die Entwicklung des Hafengeländes ergaben sich immer wieder große stadtplanerische Herausforderungen. Die Aufgaben waren gewaltig und die Vorgaben ließen viele Freiheiten zu. „Think Big“ lautete das Motto. Der stetige Wandel war die einzige Konstante für die Stadt, für ihre Bürger, ihre Unternehmen und ihre Beamten. Die Stadt hat ihre Identität nicht auf historische Artefakte aufgebaut, sondern sie mit Architektur und Planung als wichtige Bausteine neu gestaltet. Ein Beispiel dafür sind die Kubushäuser von Piet Blom aus den 1970er Jahren. Der Architekt wurde beauftragt eine lärmende Verkehrsader auf ungewöhnliche Weise zu überbrücken. Blom sah die Häuser als Bäume – mit einem „Stamm“ zur vertikalen Erschließung und der Wohneinheit als „Baumkrone“. 

Vorläufiger Höhepunkt um die Jahrtausendwende
Rund um die Jahrtausendwendewende avancierte Rotterdam auch international zum Anziehungspunkt für Architekten. Viele der ansässigen Architekturbüros wie das Office of Metropolitan Architecture (OMA) oder auch MVRDV, West 8, Neutelings Riedijk Architects und KCAP Architects&Planners hatten internationales Ansehen erworben. Das Architektur Institut ‚NAi’ gehörte zu den größten der Welt und die  in Rotterdam realisierten Projekte waren beeindruckend: sei es die Kunsthalle, die Erasmus-Brücke, der ‚Kopf von Zuid’ – ein völlig neugestaltetes ehemaliges Hafenufer mit Wohnen, Gastronomie und kulturelle Instituten – oder das „DWl-Terrein“, ein zu Wohnraum transformiertes ehemaliges Wassergewinnungsgebiet. Die Architektur-Biennale, die Maaskant Preise, spezialisierte Architekturführungen (ArchiGuides), ein lokales Architekturzentrum und spezielle Fördermittel für Forschung und Entwicklung bildeten ein vitales Netzwerk rund um die Architektur. Vor diesem Hintergrund entstanden neue Architekturbüros, oft durch „Berufs-Immigranten“ wie das Atelier Kempe Thill (D), Casanova + Hernandez architects (ESP) oder Artgineering (D/B). Es war etwas Außergewöhnliches im Gange: Kreativität und Liebe für die gebaute Umwelt konnten sich hier wie kaum an einem anderen Ort entfalten.

Die lokale Politik  war einer der Treiber für die  Entwicklung von Rotterdam. In vielen der markanten architektonischen und städtebaulichen Projekte spiegeln sich Mut und Vertrauen. Ein typisches Beispiel dafür ist die „Erasmus-Brücke“, die das Zentrum von Rotterdam mit „Kop van Zuid“ verbindet. In der Planungsphase Anfang der neunziger Jahre war die Entscheidung für eine „normale“ Brücke gefallen. Dennoch gelang es Prof. Ir. Riek Bakker, damals Leiterin der Stadtentwicklung, Ben van Berkel von UNStudio zu beauftragen, eine modernere, expressivere Brücke zu entwickeln. Das Ergebnis hat Geschichte geschrieben:  Die Brücke wurde zum ästhetischen, innovativen Wahrzeichen und mitten im Fluss zum Symbol einer progressiven Stadt  Die Bevölkerung liebte diese Brücke von Anfang an und gab ihr dank der 139 Meter hohen, geknickten Stahlpylone, sofort einen Spitznamen: der Schwan. 

Finanzkrise 2007
Aber die Hochkonjunktur war fast über Nacht vorbei. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise traf die Stadt schwer. Plötzlich gab es kaum noch Bedarf an neuen Wohnungen und fast alle Gewerbeimmobilien verloren an Wert. Die Zeit des freien Entwickelns war vorüber. Das politische und kulturelle Klima kühlte sich ab und experimentelle Entwürfe landeten in der Schublade. 

Doch als jeder schon dachte, dies sei der Untergang der Architekturszene, war die Stadt in der Lage, sich abermals neu zu erfinden. Die bedeutenden Architekturbüros arbeiteten mittlerweile in der ganzen Welt. Und eine neue, jüngere Generation von Architekten und Designern wie ZUS (Zones Urbaines Sensibles) oder Superuse Studios traten an mit neuen, beteiligungsorientierten Bottom-up-Ansätzen und anderen, nachhaltigen Entwurfsstrategien. Sie nutzten mitunter Crowdfunding und andere Wege, mit der Politik und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. So kam das Projekt „Luftbrücke“ von ZUS (ein Holzbrücke zwischen Kulturgebäude ‚Schieblok’ und Bahnhof) mit Unterstützung der Bevölkerung zustande. Die Namen von hunderten privaten und geschäftlichen Sponsoren sind in der ersten Crowdfunding-Brücke Rotterdams eingraviert. 
In der Folge wurden in den letzten Jahren eine große Zahl weiterer innovativer Projekte realisiert; so beispielsweise die Markthalle von MVRDV und das Bürogebäude DeRotterdam von OMA. Damit konnte sich die Stadt einmal mehr eindrucksvoll als eine der Hauptstädte der Weltarchitektur behaupten. Was damals mit der Van Nelle Fabrik begonnen hatte, ist auf dem besten Weg zu einer unendlichen Geschichte zu werden.


Der Autor:
Lucas Verweij war Direktor der „Rotterdam Academy for Architecture and Urban Design“ und lebt heute in Berlin, wo er über Architektur und Design schreibt. Er war Gastprofessor an verschiedenen Berliner Kunsthochschulen. Er unterrichtet jetzt in Poznan, Polen